Karfreitag, 3. April 2026, 15:00 Uhr, Nachfolge-Christi-Kirche
„O Haupt voll Blut und Wunden“ kennt jeder. Doch der alte lateinische Text, der Paul Gerhardt damals zu diesem Gedicht inspirierte, besingt nicht nur das Haupt, sondern auch sechs weitere Gliedmaßen. Tief berührende Musik, ohne Sentimentalität, die für sich spricht.
Julia Kreuzer, Sopran
Katharina Misof, Sopran
Katharina Strecker, Alt
Thomas Klose, Tenor
Hubert Arnold, Bariton & Viola da gamba
Bettina von Dombois, Barockvioline
Franz Georg Kreuzer, Viola da gamba
Sebastian Frick, Viola da gamba
Johannes Zink, Theorbe
Gerald Hambitzer, Cembalo

„Jemanden nach Buxtehude schicken“ – das war ein geflügeltes Wort im 17. Jahrhundert. Heute fände sich die irgendwohin geschickte Person auf dem Mond wieder.
Aber „Buxtehude“ ist nicht nur ein Ort, sondern der Name eines Komponisten:
Dietrich Buxtehude, ein Musiker voller Fantasie, Neugier und leiser Kühnheit. Geboren um 1637 vermutlich im heutigen Dänemark, wirkte Buxtehude von 1668 bis zu seinem Tod 1707 in Lübeck als Organist an der Marienkirche.
Als Organist genoss Buxtehude großes Ansehen: Seine Orgelwerke verbinden freie, fast improvisatorische Abschnitte mit streng gearbeiteten kontrapunktischen Teilen – Ordnung und Abenteuer reichen sich die Hand. Buxtehude trug entscheidend zur Entwicklung der sogenannten norddeutschen Orgelschule bei, die sich durch klangliche Vielfalt und dramatische Kontraste auszeichnet. Einer seiner Schüler war Nicolaus Bruhns, einer der verrücktesten Komponisten des Barock überhaupt.
Berühmt wurden die sogenannten Abendmusiken. Das waren öffentliche Konzerte in der Kirche, kostenlos und offen für alle, von Martini bis Weihnachten. Die Abendmusiken waren so erfolgreich, dass ab 1682 die Stadtwache für Sicherheit sorgen musste. Man könnte sagen, Buxtehude erfand hier eine frühe Form des bürgerlichen Konzertlebens. Seine Musik durfte überraschen, trösten, aufwühlen.
Buxtehude war so berühmt, dass er viel Besuch bekam: 1703 von Mattheson und Telemann, und ein junger Mann aus Thüringen, war so versessen darauf, Buxtehude zu hören, dass er die 400 Kilometer von Arnstadt nach Lübeck zu Fuß zurücklegte. Es war niemand geringerer als Johann Sebastian Bach, und aus den geplanten vier Wochen wurden mehrere Monate – das führte zu großem Ärger in Arnstadt und zu musikalischer Prägung bei Bach.
Doch Buxtehude war nicht nur Meister der Orgel. Sein vielleicht berührendstes Werk ist der Kantatenzyklus „Membra Jesu nostri“ von 1680. Sieben Teile widmen sich nacheinander den Gliedern des gekreuzigten Christus, von den Füßen bis zum Gesicht. Textgrundlage ist ein lateinischer Gedichtzyklus von Arnulf von Löwen. Aus dem letzten dieser Gedichte machte Paul Gerhardt das Lied „O Haupt voll Blut und Wunden“
Das klingt zunächst streng religiös, doch die Musik spricht eine sehr menschliche Sprache. Zartheit, Schmerz, Nähe und Staunen stehen im Mittelpunkt, nicht Pathos oder Donner. Die Besetzung ist klein, die Gesten sind fein. Man hört förmlich, wie die Zeit langsamer wird.
Am Ende bleibt der Eindruck eines Komponisten, der tief empfand und klar dachte. „Membra Jesu nostri“ bündelt all das, was Buxtehude ausmacht. Innigkeit ohne Kitsch, Glauben ohne Belehrung, Kunst ohne Lärm. Wer sich darauf einlässt, entdeckt einen still leuchtenden Stern am Vorabend von Bach – zum Beispiel am Karfreitag um 15 Uhr in der Nachfolge-Christi-Kirche, da wird dieses zauberhafte Stück erklingen.
Eine Anekdote am Rande: Als Buxtehude starb und ein Nachfolger gesucht wurde, griff eine Lübecker Tradition: Der Nachfolger des Organisten an der Marienkirche musste dessen Tochter heiraten. So hatte Buxtehude das bei seinem Amtsantritt auch getan. Jedoch war Buxtehudes Tochter nicht mehr die jüngste – Bach hat sich nicht einmal beworben.
